
100% bevorzugen deutsche Rechenzentren – doch die Cloud bleibt US-geprägt
Deutsche Unternehmen bevorzugen Rechenzentren im Inland. Was das für Cloud-Strategie, Souveränität und Risiken bedeutet.
Warum Cloud-Lock-in für IT-Entscheider jetzt zum strategischen Risiko wird und was Unternehmen prüfen sollten.

Die EU-Kommission nimmt die beiden größten Cloud-Anbieter im europäischen Markt genauer unter die Lupe. Amazon Web Services und Microsoft Azure könnten künftig als sogenannte Gatekeeper unter den Digital Markets Act fallen. Für IT-Entscheider ist das mehr als eine Regulierungsnachricht. Es ist ein deutliches Signal: Cloud-Abhängigkeiten werden zunehmend zu einem strategischen Risiko.
Am 25. Juni 2026 hat die EU-Kommission Amazon und Microsoft ihre vorläufige Auffassung mitgeteilt, dass AWS und Azure unter dem Digital Markets Act als Gatekeeper eingestuft werden sollten. Wichtig dabei: Es handelt sich noch nicht um eine finale Entscheidung. Beide Unternehmen können auf die Einschätzung der Kommission reagieren, bevor eine endgültige Entscheidung fällt.
Die EU-Prüfung bedeutet nicht, dass AWS oder Azure bereits sanktioniert wurden. Auch ein Fehlverhalten ist mit der vorläufigen Position nicht festgestellt. Die Kommission prüft vielmehr, ob die beiden Cloud-Dienste aufgrund ihrer Marktstellung künftig strengeren Regeln unterliegen sollten.
Genau das macht die Entwicklung für Unternehmen relevant. Denn Cloud-Infrastruktur ist längst nicht mehr nur ein technischer Betriebsbaustein. Sie ist die Grundlage für Anwendungen, Datenplattformen, KI-Projekte, Security-Architekturen und digitale Geschäftsmodelle. Wenn die EU diese Infrastruktur stärker regulatorisch betrachtet, wird Cloud-Strategie automatisch auch zu einem Thema für Governance, Einkauf, Recht und Compliance.
Nach vorläufiger Einschätzung der EU-Kommission sind AWS und Azure der größte beziehungsweise zweitgrößte Cloud-Computing-Dienst in der EU. Die Kommission verweist dabei unter anderem auf große Nutzerbasen, starke Ökosysteme, hohe Wechselkosten und mögliche Lock-in-Effekte.
Für IT-Entscheider ist genau dieser Punkt entscheidend. Viele Unternehmen haben ihre Cloud-Landschaft über Jahre rund um einen Hyperscaler aufgebaut. Das bringt Geschwindigkeit, Skalierung und Zugang zu modernen Plattformdiensten. Gleichzeitig entstehen Abhängigkeiten, die später nur mit hohem Aufwand aufgelöst werden können.
Dazu gehören nicht nur virtuelle Maschinen oder Speicher. Kritisch werden vor allem Datenbanken, Identitätsdienste, Security-Funktionen, Schnittstellen, Automatisierung, Monitoring, Backup-Konzepte und KI-Services. Je tiefer diese Bausteine in ein Cloud-Ökosystem integriert sind, desto schwieriger wird ein späterer Wechsel.
Die EU-Kommission verweist auch auf die wachsende Rolle von KI im Cloud-Markt. Das ist ein wichtiger Punkt, denn viele Unternehmen bauen ihre KI-Initiativen direkt auf den Plattformen großer Hyperscaler auf.
Das ist nachvollziehbar: Die Anbieter liefern Infrastruktur, Modelle, Datenservices, Entwicklungsumgebungen und Sicherheitsfunktionen aus einer Hand. Für Unternehmen kann das den Einstieg deutlich beschleunigen. Gleichzeitig steigt die Bindung an das jeweilige Ökosystem.
Wer KI-Anwendungen, Datenhaltung, Zugriffsrechte, Automatisierung und Analysefunktionen eng miteinander verzahnt, gewinnt kurzfristig Effizienz. Langfristig muss aber klar sein, wie portierbar diese Architektur wirklich ist. Denn aus technischer Bequemlichkeit kann schnell strategische Abhängigkeit werden.
Die Antwort auf mögliche Cloud-Abhängigkeiten lautet nicht automatisch: alles auf mehrere Anbieter verteilen. Multi-Cloud kann sinnvoll sein, muss aber sauber geplant werden. Sonst entstehen zusätzliche Komplexität, höhere Kosten und neue Sicherheitsrisiken.
Wichtiger ist eine bewusste Cloud-Strategie. Unternehmen sollten wissen, welche Workloads kritisch sind, welche Dienste stark proprietär sind und wo ein Anbieterwechsel realistisch möglich wäre. Entscheidend ist nicht, jede Anwendung sofort portabel zu machen. Entscheidend ist, die eigenen Abhängigkeiten zu kennen und aktiv zu steuern.
Dazu gehören klare Exit-Szenarien, dokumentierte Schnittstellen, überprüfbare Datenportabilität, transparente Kostenmodelle und ein realistischer Blick auf Wechselaufwände. Wer das erst prüft, wenn Handlungsdruck entsteht, ist meist zu spät.
Für CIOs, IT-Leiter und Cloud-Verantwortliche ist die EU-Prüfung ein guter Anlass, bestehende Cloud-Strategien neu zu bewerten. Nicht aus Panik, sondern aus Vorsorge.
Unternehmen sollten prüfen, wie stark zentrale Systeme bereits an einen Anbieter gebunden sind. Besonders relevant sind Vertragslaufzeiten, Datenexporte, Egress-Kosten, proprietäre Plattformdienste, KI-Services, Lizenzmodelle und Abhängigkeiten in der Identity- und Security-Architektur.
Auch der Einkauf sollte einbezogen werden. Denn Cloud-Lock-in entsteht nicht nur technisch, sondern auch vertraglich. Rabatte, Commitments und gebündelte Plattformangebote können kurzfristig attraktiv sein, aber langfristig die Verhandlungsposition schwächen.
Die mögliche Gatekeeper-Einstufung von AWS und Azure zeigt: Cloud ist keine reine IT-Entscheidung mehr. Sie betrifft digitale Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit, Compliance und die langfristige Handlungsfähigkeit von Unternehmen.
Noch ist die Entscheidung der EU nicht final. Das Signal ist trotzdem deutlich: Cloud-Lock-in wird politisch und regulatorisch ernster genommen. Unternehmen sollten diese Entwicklung nutzen, um ihre eigene Cloud-Landschaft kritisch zu prüfen.
Nicht jeder Lock-in ist automatisch schlecht. Aber jeder Lock-in sollte bewusst entschieden, dokumentiert und steuerbar sein. Genau darin liegt jetzt die Aufgabe für IT-Entscheider.
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