100% bevorzugen deutsche Rechenzentren – doch die Cloud bleibt US-geprägt

Deutsche Unternehmen bevorzugen Rechenzentren im Inland. Was das für Cloud-Strategie, Souveränität und Risiken bedeutet.

Futuristische Serverreihen in einem Rechenzentrum neben einer leuchtenden Deutschlandkarte mit digital vernetzten Standorten.

Der Standort von Cloud-Infrastrukturen wird für deutsche Unternehmen zum strategischen Auswahlkriterium. Einer aktuellen Bitkom-Befragung zufolge würden alle befragten Unternehmen Rechenzentren in Deutschland bevorzugen. Zwischen diesem Wunsch und der tatsächlichen Anbieterlandschaft liegt jedoch eine deutliche Lücke.

Für 97 Prozent der Unternehmen spielt es bei der Auswahl eines Cloud-Anbieters eine Rolle, wo dessen Server stehen. Deutschland erreicht als bevorzugter Rechenzentrumsstandort 100 Prozent Zustimmung. Standorte in anderen EU-Staaten werden von 68 Prozent positiv bewertet. Deutlich geringer fällt die Zustimmung für die USA mit 12 Prozent, Japan mit 9 Prozent und China mit 1 Prozent aus.

Grundlage ist eine telefonische Befragung von 603 Unternehmen in Deutschland mit mindestens 20 Beschäftigten. Die Erhebung fand zwischen Kalenderwoche 14 und 20 des Jahres 2026 statt und ist laut Bitkom repräsentativ. Kleinstunternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten wurden nicht berücksichtigt.

Standort ist wichtig – aber nicht immer zwingend

Die hohen Zustimmungswerte bedeuten nicht, dass sämtliche Unternehmen ausschließlich deutsche Rechenzentren akzeptieren. Gefragt wurde sowohl nach zwingenden Anforderungen als auch nach wünschenswerten Kriterien.

Im vollständigen Cloud Report 2026 bezeichnen 57 Prozent den Standort der Rechenzentren als Must-have bei der Providerwahl. Für 61 Prozent ist das Herkunftsland des Cloud-Anbieters zwingend relevant. Noch wichtiger sind Vertrauen in IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance mit 95 Prozent sowie Leistungsfähigkeit und Stabilität mit 91 Prozent.

Damit zeigt die Erhebung zwar eine klare Präferenz für lokale und europäische Infrastruktur. Der Serverstandort bleibt jedoch Teil eines größeren Anforderungskatalogs, in dem Sicherheit, Verfügbarkeit und technische Leistungsfähigkeit weiterhin an erster Stelle stehen.

Wunsch und tatsächliche Nutzung driften auseinander

Besonders deutlich wird das Spannungsfeld beim Blick auf die eingesetzten Provider. 71 Prozent der Unternehmen nutzen derzeit Cloud-Angebote von Anbietern aus den USA. Bevorzugen würden US-Anbieter dagegen nur 8 Prozent.

Bei deutschen Providern zeigt sich das umgekehrte Bild: 53 Prozent greifen aktuell auf deren Angebote zurück, während 91 Prozent Anbieter aus Deutschland bevorzugen würden. Auch europäische Provider werden häufiger gewünscht als genutzt. Ihr Nutzungsanteil liegt bei 45 Prozent, der Präferenzwert bei 68 Prozent.

Die Zahlen zum Herkunftsland des Providers und zum Standort seiner Rechenzentren beschreiben dabei unterschiedliche Aspekte. Ein internationaler Anbieter kann Rechenzentren in Deutschland betreiben, während ein deutscher Anbieter Infrastruktur in anderen Ländern nutzen kann. Für eine belastbare Cloud-Strategie müssen Unternehmen daher beide Ebenen getrennt betrachten.

Unternehmen sehen Abhängigkeit, aber kaum gleichwertige Alternativen

85 Prozent der befragten Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-amerikanischen Cloud-Anbietern. 80 Prozent wünschen sich leistungsfähige Hyperscaler aus Deutschland oder Europa. Gleichzeitig erklären 43 Prozent, dass für ihre Anforderungen derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen zu den US-Hyperscalern verfügbar seien.

Diese Diskrepanz erklärt, warum sich der Wunsch nach mehr digitaler Souveränität bislang nur begrenzt in der Beschaffungspraxis widerspiegelt. Globale Plattformen sind häufig tief in Anwendungslandschaften, Entwicklungsprozesse und Datenarchitekturen integriert. Ein Wechsel betrifft deshalb nicht nur den Vertrag mit einem Provider, sondern oftmals auch Schnittstellen, Betriebsmodelle, Qualifikationen und bestehende Anwendungen.

Ein deutscher Serverstandort reicht nicht aus

Für IT-Entscheider sollte die Standortfrage deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Ein Rechenzentrum in Deutschland kann Anforderungen an Datenresidenz, Latenz oder interne Governance unterstützen. Es beantwortet jedoch nicht automatisch, wer den Dienst kontrolliert, welche Unterauftragnehmer beteiligt sind, wie portabel Daten und Anwendungen bleiben oder wie stark ein Unternehmen von proprietären Diensten abhängig ist.

In Ausschreibungen und Cloud-Verträgen sollten daher neben dem physischen Verarbeitungsort auch die Betreiberstruktur, mögliche Standortverlagerungen, Verschlüsselung und Schlüsselverwaltung, der Einsatz von Subdienstleistern sowie überprüfbare Exit- und Migrationsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Der Cloud Report nennt Lock-in-Effekte als häufigste Barriere für einen Anbieterwechsel.

Auch die Europäische Kommission adressiert diese Fragen. Mit dem im Juni 2026 vorgelegten Entwurf für einen Cloud and AI Development Act will sie Investitionen in europäische Cloud- und Rechenzentrumskapazitäten erleichtern und einen einheitlichen Bewertungsrahmen für Cloud- und KI-Souveränität schaffen. Der CADA ist derzeit ein Gesetzgebungsvorschlag und noch keine geltende Verordnung.

Was IT-Entscheider jetzt prüfen sollten

Die Bitkom-Zahlen sind vor allem ein Signal an Beschaffung, Architekturverantwortliche und Unternehmensleitungen: Der Standort von Daten und Rechenkapazitäten gehört als überprüfbares Kriterium in die Cloud-Governance. Er sollte jedoch mit Anforderungen an Sicherheit, technische Portabilität, Anbieterwechsel und betriebliche Resilienz verbunden werden.

Eine tragfähige Souveränitätsstrategie entscheidet sich nicht allein an der Postanschrift des Rechenzentrums. Entscheidend ist, wie viel tatsächliche Kontrolle ein Unternehmen über seine Daten, Anwendungen, Schlüssel und Wechselmöglichkeiten behält.

Fazit

Deutsche Unternehmen wünschen sich Cloud-Infrastruktur im eigenen Land und leistungsfähige europäische Anbieter. In der Praxis bleiben viele jedoch auf US-Plattformen angewiesen. Für IT-Entscheider entsteht daraus ein klarer Auftrag: Datenresidenz verbindlich regeln, Abhängigkeiten transparent bewerten und Exit-Szenarien frühzeitig technisch wie vertraglich vorbereiten.

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